Ostsee-Zeitung; 04.07.2008; Seite 6

Meiningen macht mächtig Dampf für den Molli

In Thüringen wird eine Lokomotive für den Doberaner Molli gebaut. Es ist der erste Neubau einer Dampflok seit 50 Jahren in Deutschland.
Von Maik Ehrlich

Geschäftsführerin der Mecklenburgischen Bäderbahn Molli GmbH,  Angelika Münchow, und Werkstattleiter Jürgen Eichhorn

Die Geschäftsführerin der Mecklenburgischen Bäderbahn Molli GmbH, Angelika Münchow, und Werkstattleiter Jürgen Eichhorn stehen am Modell einer Dampflok in der Werkhalle in Meiningen.

Meiningen/Bad Doberan (OZ) Eine Dampflok schnaubt durch Bad Doberan. Der Schlot pustet graue Wölkchen in den Himmel, um sie dann einer Perlenkette gleich auf ihrer Reise gen Heiligendamm hinter sich herzuziehen. Während Angelika Münchow, Geschäftsführerin der Mecklenburgischen Bäderbahn Molli GmbH, vor einem sieben Meter langen Stahlkessel im Meininger Dampflokwerk steht, kann sie sich schon ihre neue Lok auf der Jungfernfahrt vorstellen. Feuerbuchse, Langkessel, Rauchkammer sind schon zu erkennen.

Wie auf einem Operationstisch liegt der Riese auf einer Arbeitsbrücke. Wolfgang Kirchner greift zur Fernbedienung. Kleine Räder drehen sich und den Kessel. „So können wir bequem seine Lage verändern und an schwer erreichbaren Stellen arbeiten“, sagt der Kesselschmied. Für den Thüringer ist es etwas Besonderes, an der Dampflok für die Bäderbahn mitbauen zu dürfen. „Seit meiner Kindheit fahre ich im Urlaub an die Ostsee. Ich kenne Kühlungsborn und die Bäderbahn“, erzählt Kirchner noch schnell, bevor er sich den Winkelschleifer schnappt und Schweißnähte glättet.

Rund 200 Meter weiter liegt der Rahmen der Dampflok. Klein sieht er aus, bei so imposanter Nachbarschaft. Da steht ein 100 Tonnen Koloss. Die Dampflok der Zollernbahn würdigen Claudio Fischer, Eisenbahnbetriebsleiter Molli, und Bodo Credo, Projektleiter Dampfloknachbau, jedoch keines Blickes. Einmal wöchentlich reisen sie nach Meiningen, um sich über den Baufortschritt zu informieren. Sie sind zufrieden. 30 Mann, das entspricht einem Drittel der Belegschaft, bauen an der Lok. Ende des Jahres soll sie fertig sein. Ein straffer Zeitplan. „Wir werden auch während der Betriebsferien arbeiten“, sagt der Meininger Betriebsleiter Jürgen Eichhorn.

Kesselschmied Wolfgang Kirchner dreht den Kessel auf der Arbeitsbrücke.

Kesselschmied Wolfgang Kirchner dreht den Kessel auf der Arbeitsbrücke. Fotos: Ehrlich

Über 1000 Zeichnungen, teilweise aus den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts, mussten gesichtet, ergänzt und auf die neuen technischen Anforderungen abgestimmt werden. Weil bestimmte Guss- und Schmiedeteile nur einmal gebraucht werden, mussten Kontakte bis nach England und Tschechien geknüpft werden, um Zulieferer zu finden.

In Meiningen wird ordentlich Dampf gemacht. „Im Dezember wollen wir den Kessel das erste Mal anheizen“, sagt Jürgen Eichhorn und spricht Angelika Münchow aus dem Herzen. „Seit acht Jahren denken wir über eine neue Lok nach. Lange haben wir es finanziell und technisch nicht für möglich gehalten. Und nun steht das Werk kurz vor der Vollendung.“

Die Mecklenburgische Bäderbahn Molli hat vier Dampfloks. Der erste Nachbau seit über 50 Jahren bundesweit komplettiert den Fuhrpark. Die Kosten belaufen sich auf 2,5 Millionen Euro. 1,75 Millionen kommen vom Land.