Freies Wort; 24.11.2008; Seite 3

Die weiße Skadi soll am Polarkreis überzeugen

Projekt: Der Waldauer Michael Witter bringt einen Hütehund nach Schweden und feiert einen ersten Etappensieg für den Schutz der Wölfe
Von Maik Ehrlich

Michael Witter, Dirk Hagenbuch, Rentier und Hütehund, Foto: Walter Heidenreich

Michael Witter (links) und Dirk Hagenbuch beobachten die erste Begegnung von Rentier und Hütehund, der später die Herde vor Wölfen schützen soll.
Foto: Walter Heidenreich

Waldau/Solberget – Es ist ein herrlich schöner Herbsttag. Über Nordschweden scheint die Sonne mit letzter Kraft. Sie lässt den Himmel blau erstrahlen und tupft die Blätter bunt, als sich in Solberget, einem abgelegenen Gehöft 18 Autostunden nördlich von Stockholm, ein kniehoher Hund einem zotteligen Ren nähert. Beide sind sicherheitshalber angeleint.

Michael Witter aus Waldau (Landkreis Hildburghausen) und der Wahl-Schwede Dirk Hagenbuch halten Tuchfühlung zu ihren Schützlingen. Der Hund, ein Slovensky-Cuvac, tänzelt ein wenig aufgeregt hin und her. Skadi, so sein Name, zeigt dennoch keine Angst vor dem viermal so großen Ren mit dem raumgreifenden Geweih. Kaamos beäugt den Hund zuerst skeptisch, um sich dann wieder seelenruhig dem Fressen zu widmen. Ganz so, als ob Skadi „Hey, hier bin ich“ sagen und das gemütliche Ren „Ist okay“ antworten würde.

Michael Witter und Dirk Hagenbuch sind erleichtert. Das erste Beschnuppern in Lappland nördlich des Polarkreises war ein Erfolg. Ein Erfolg, der Mut macht für die weiteren Hürden, die zu überspringen sind. In Zukunft, wünscht sich Witter, sollen Hunde wie Skadi die Rentierherden am Polarkreis vor Wölfen schützen, damit die Raubtiere vor den Rentierzüchtern sicher sind.

Witter sucht seit Jahren die Nähe zu Wölfen. Für seine tägliche Arbeit mit Hunden studiert er das Verhalten von deren wilden Verwandten. Nachdem er viele Seminare besucht und einschlägige Literatur verschlungen hatte, stellte er fest, dass es zur Erziehung von Hunden viele Theorien gibt. Am nächsten lag da für ihn, vom Original zu lernen. Witter hat in Waldau einen eigenen Hundeplatz mit Hundeschule und Hundepension. Problemhunde sind sein Spezialgebiet. Mittlerweile sind seine Dienste bundesweit gefragt, wenn ein vierbeiniger Rüpel wieder auf den rechten Weg gebracht werden soll.

Als Skandinavien-Fan fiel Witters Wahl schnell auf Schweden, als es darum ging, dem Wolf in freier Wildbahn nahe zu kommen. Die Pyrenäen oder die Karpaten waren schnell aus dem Rennen. „Bei meinen Recherchen fand ich heraus, dass in Schweden viele Wolfsrudel leben. Da dachte ich mir, dass wohl auch dort die Chancen am größten sind, Wölfe sehen zu können“, so Michael Witter.

Mit Schlafsack, Schneeschuhen und seinem Rottweiler Vicky durchkämmte Michael Witter die endlosen Winterwälder Schwedens. Geleitet von Wolfsspuren sowie Hufabdrücken von Elchen und Renen. Manchmal hörte er Wolfsgeheul. Selten konnte er ein Rudel beobachten.

Vor seiner ersten Wintertour trainierte Witter fleißig mit Hanteln und schrubbte Kilometer mit seinen Langläufern im Thüringer Wald. Im Land der Elche merkte er aber schnell, dass so eine intensive Vorbereitung nicht nötig war. Als passionierter Rennradfahrer verfügte er über eine gewisse Grundkondition mit ansteigender Tendenz: Der Mann mit dem Stoppelhaarschnitt hatte nämli ch fünf Jahre zuvor mit dem Rauchen aufgehört.

Der Wolf-Fan aus Waldau hat bei seinen vielen Besuchen im schwedischen Teil von Lappland erkannt, dass die Wölfe nur eine Chance zum Überleben haben, wenn sie von den Rentierherden der Ureinwohner Skandinaviens, der Sami, lassen. Diese halten nämlich nicht viel von einem Abschussverbot, wenn sich die Wölfe mal wieder an ihrer Haupteinnahmequelle vergriffen haben.

Witter rollt nun deshalb das Feld von hinten auf: „Ich möchte Hütehunde in die Rentierherden integrieren und Überzeugungsarbeit leisten, bis die Sami erkennen, dass diese Hunde die Herden beschützen können“, erklärt der 45-Jährige. Dahinter steckt die einfache Formel: Schutz vor Wölfen als Schutz der Wölfe.

Michael Witter weiß, dass er einen langen Atem braucht. Entscheidungen reifen in Skandinavien sehr lange. Zudem muss er gegen ein Vorurteil ankämpfen. Hunde sind bei den Sami nicht als Herdenhüter akzeptiert. Meist haben sie sich aus dem Staub gemacht, sind verwildert und dann kaum noch von den Wölfen zu unterscheiden gewesen.

Mit der schneeweißen Skadi legt das Projekt nun einen hoffnungsvollen Start hin. Witter wählt bewusst einen Slovensky Cuvac aus. 70 Zentimeter groß und 50 Kilogramm schwer kann solch ein knopfäugiges Wuschel werden. Drei bis vier dieser Gebirgshütehunde halten Wölfe und Braunbären von den anvertrauten Herden fern. Das haben die Cuvac schon oft in ihrer angestammten Heimat, in der Tatra und in den südlichen Karpaten, bewiesen. Nun wird ein weiteres Zeugnis ihrer Wehrhaftigkeit am Polarkreis abgelegt.

Ende August 2008 holte Michael Witter einen kleinen Slovensky Cuvac von einem Züchter im österreichischen Klagenfurt. Der freiberufliche Hundetrainer bereitete den drolligen Zwerg zwischen Nahetal und Schleusegrund auf die Mission nahe dem Nordkap vor.

Nach einer 30-stündigen Fahrt im Pickup erreichten Witter und Skadi im Oktober 2008 das Gehöft in Solberget des deutschen Auswanderers Dirk Hagenbuch. Seine sieben zahmen Rentiere sollen die ersten sein, die von einem weißen Riesen beschützt werden.

Witter und Hagenbuch sind befreundet. Der Thüringer rannte bei dem gebürtigen Schwaben mit seiner Idee offene Türen ein. Entdeckte doch der Aussteiger immer häufiger Wolfsspuren rings um sein riesiges Areal.

Hundetrainer Michael Witter mit einem Slovensky Cuvac, einem Hütehund. Foto:   Maik Ehrlich

Hundetrainer Michael Witter mit einem Slovensky Cuvac, einem Hütehund. Foto: Maik Ehrlich

Bis Witters Traum Wirklichkeit wird, ist es noch ein weiter Weg. Das „Riesenmädchen“, so heißt Skadi aus dem Nordischen übersetzt, muss erst einmal erwachsen werden und ihre Aufgaben vermittelt bekommen. Das Wichtigste: Sie braucht Gesellschaft. „Ende des nächsten Jahres will ich einen zweiten Slovensky Cuvac nach Solberget bringen“, erzählt Michael Witter. Ein Rüde soll dann von Skadi angelernt werden und mit ihr Welpen zeugen. In ein paar Jahren wäre dann das erste Cuvac-Rudel in Lappland komplett.

„Das wird kein leichtes Projekt, aber ich hoffe, dass es Erfolg hat“, sagt der 39-jährige Hagenbuch, der gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin in Solberget ohne Strom und fließend Wasser lebt. Dort beherbergt er im Wildnisgehöft Urlauber. Beide haben Skadi ins Herz geschlossen. „Von der ersten Begegnung an fand ich den weißen Kerl einfach nur süß. Skadi ist ein toller Hund. Sie lernt schnell und bereitet viel Freude“, gesteht der studierte Pädagoge und versierte Touristenführer Hagenbuch.

Skadi scheint ihr neues Zuhause und ihr neues Herrchen zu akzeptieren. „In Deutschland war sie frech, aufmüpfig, beinahe unausgelastet. In Schweden ist sie ruhig und strahlt Selbstbewusstsein aus“, sagt Michael Witter und Dirk Hagenbuch ergänzt. „Sie spielt auch schon mit den Rentieren. Gelegentlich gibt es Jagden im Rentiergehege. Skadi tollt vornweg und ein Ren hinterdrein.“

Ende Dezember fährt Michael Witter wieder nach Schweden. Es ist das dritte Mal in diesem Jahr. Keine Selbstverständlichkeit, bedenkt man, dass der Waldauer kein Einsiedler, sondern ein verheirateter Mann und Vater einer inzwischen erwachsenen Tochter ist. „Die Reisen nach Schweden sind für mich jedes Mal eine Rückkehr an einem Ort, an den ich mich besonders wohl fühle“, so Witter. Mehr als acht Wochen will er am Polarkreis verbringen, Skadi besuchen, mit ihr arbeiten, an der Volkshochschule in Jokkmokk Schwedisch lernen und vor allem wieder auf Wolfssuche gehen.

Auch eine Wolfsfährte im heimischen Thüringer Wald würde ihn nicht überraschen. „Es ist gut möglich, dass ein Wolf mal durch die Wälder streift“, meint Witter. Schließlich leben in einem Schutzgebiet in der Lausitz drei Rudel mit insgesamt 30 Tieren, die für ihre Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung bekannt sind. „In Deutschland hat der Wolf aber auf lange Sicht keine Chance. Wenn sich die Zahl der Wölfe hierzulande verzehnfacht, wo sollen dann all diese Wölfe leben? Deswegen engagiere ich mich in Schweden“, so Witter.

Doch noch akzeptiert der Mensch auch dort den Wolf nicht. Witter glaubt, das Missverständnis aufklären zu können. Und Dirk Hagenbuch kann in seinem skandinavischen Idyll täglich beobachten, wie der Traum seines Freundes immer mehr Konturen annimmt. Skadi hüpft um die Rene und sagt: „Hier bin ich“. Und deren Anführer Kaamos antwortet: „Ist okay.“